Die Reise über den Regenbogen
Ein Märchen, nicht nur für Erwachsene
Kurzfassung meines Taschenbuches
Episode 1
Das Land im Schatten
Niemand wusste mehr, wann das Land seine Seele verloren hatte.
Die Menschen standen früh auf, arbeiteten hart und gingen dennoch jeden Abend mit dem Gefühl schlafen, dass ihnen jemand den Tag gestohlen hatte. Die Straßen waren voller Hast, die Gesichter voller Misstrauen. Hinter jedem freundlichen Lächeln vermutete man eine Absicht, hinter jedem Versprechen eine Lüge.
Die Mächtigen predigten Bescheidenheit, während sie in Palästen lebten. Sie sprachen von Gerechtigkeit und verteilten doch die Schätze des Landes an ihre Freunde.
Mit jedem neuen Gesetz wurde das Leben komplizierter, mit jeder Wahl die Hoffnung kleiner.
Die Reichen wurden reicher. Die Armen immer ärmer. Und die Ehrlichen fragten sich immer häufiger, ob Ehrlichkeit nicht längst ein Fehler geworden war.
Kriminelle wurden zu Vorbildern. Neid vergiftete Nachbarschaften. Gier zerstörte Familien.
Jeder glaubte, zuerst an sich selbst denken zu müssen, bevor er an andere dachte.
Nur wenige Menschen bewahrten tief in ihrem Herzen etwas, das längst aus der Mode gekommen war: Mitgefühl.
Zu ihnen gehörten die alte Lehrerin Elisa, der Krankenpfleger David, die Bäckerin Miriam, der zwölfjährige Jonas und einige andere, die kaum jemand bemerkte.
Sie alle hatten etwas gemeinsam.
Sie hatten trotz aller Enttäuschungen nicht aufgehört, an das Gute zu glauben.
Doch sie ahnten nicht, dass sich ihr Leben bald für immer verändern würde.
Episode 2
Das Unwetter
Eines Nachmittags verdunkelte sich der Himmel.
Ein Sturm zog auf, wie ihn selbst die ältesten Menschen noch nie erlebt hatten. Blitze rissen die Wolken auseinander. Donner ließ die Erde erzittern. Flüsse traten über ihre Ufer, Dächer flogen davon, und für eine Nacht schien es, als wolle die Welt sich selbst auslöschen.
Als am Morgen die Sonne durchbrach, wagten sich die Menschen vorsichtig nach draußen.
Da geschah das Unfassbare.
Über dem ganzen Land spannte sich der größte und leuchtendste Regenbogen, den jemals ein Mensch gesehen hatte.
Seine Farben schimmerten nicht nur am Himmel. Sie schienen zu leben.
Viele liefen zu ihm, angelockt von seiner Schönheit. Doch nur ganz wenige konnten ihn überhaupt betreten.
Denn dort, wo die sieben Farben den Boden berührten, stand eine alte Frau mit silberweißem Haar.
Ihre Augen wirkten jünger als die jedes Kindes.
Sie lächelte, als hätte sie auf genau diesen Tag seit Jahrhunderten gewartet.
Episode 3
„Willkommen“, sagte die alte Frau.
„Wer seid Ihr?“, fragte David.
„Man nennt mich bei vielen Namen. Weise. Hüterin. Träumerin. Doch Namen sind unwichtig.“
Jonas fragte:
„Wohin führt der Regenbogen?“
„Zu einem anderen Land.“
„Ein Paradies?“
Die alte Frau schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. Ein Land, in dem Menschen jeden Tag neu entscheiden, gut zu sein.“
Einige Zuhörer lachten.
„Gibt es dort Gold?“
„Nein.“
„Gibt es Reichtum?“
„Nur den, den man miteinander teilt.“
„Gibt es Macht?“
„Nur Verantwortung.“
Da drehten sich viele um und gingen wieder.
Die alte Frau lächelte traurig.
„Sie suchen keinen neuen Anfang. Sie suchen nur ein bequemeres Leben.“
Episode 4
Die Prüfung
Doch es kamen immer mehr Menschen.
Aber niemand durfte einfach über den Regenbogen gehen.
Die alte Frau stellte jedem nur eine einzige Frage.
Nicht mit Worten.
Sie blickte den Menschen in die Augen.
Manche hielten ihrem Blick keine Sekunde stand. Andere sahen plötzlich Bilder aus ihrem eigenen Leben.
Vergessene Versprechen. Verletzte Freunde. Selbstlose Taten. Feige Entscheidungen. Lügen.
Manche begannen zu weinen. Andere wurden wütend.
Wer nur Gier im Herzen trug, sah den Regenbogen langsam verblassen, bis er schließlich verschwand.
Für diese Menschen existierte er nicht mehr.
Doch wer Reue kannte, wer Mitgefühl besaß oder bereit war, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, für den wurden die Farben heller.
Elisa trat einen Schritt vor.
Die alte Frau nickte.
„Du darfst gehen.“
Nach und nach folgten David, Miriam, Jonas und viele andere.
Nicht die Klügsten.
Nicht die Reichsten.
Nicht die Mächtigsten.
Sondern jene, deren Herz noch nicht vollständig verhärtet war.
Episode 5
Das Land hinter den Farben
Der Weg über den Regenbogen war länger, als jeder erwartet hatte.
Unter ihnen lagen Wolken. Über ihnen leuchteten Sterne, obwohl die Sonne schien.
Als sie schließlich das andere Ende erreichten, fanden sie keine goldenen Städte.
Keine Paläste. Keine Villen.
Nur ein friedliches Tal.
Kinder spielten ohne Angst. Türen standen offen. Niemand schloss sein Fahrrad oder Auto ab.
Auf den Feldern arbeiteten Menschen gemeinsam und lachten dabei.
Die Häuser waren einfach. Doch aus jedem Fenster fiel warmes Licht.
„Warum gibt es hier keine Wachen?“, fragte David.
Ein alter Mann antwortete:
„Wer seinen Nachbarn schützt, braucht kaum Soldaten.“
„Und eure Politiker?“
„Sie verwalten nur.“
„Und wer herrscht über das Land?“
Der Mann lächelte.
„Das Gewissen.“
Episode 6
Die Entscheidung
Nicht alle Neuankömmlinge konnten bleiben.
Denn auch hier galt eine einfache Regel: Jeder musste täglich entscheiden, welcher Mensch er sein wollte.
Einige vermissten den alten Luxus. Andere wollten Macht gewinnen.
Sie begannen erneut zu lügen.
Der Regenbogen erschien über ihren Köpfen.
Wer sich bewusst für Habgier entschied, fand sich am nächsten Morgen wieder im alten Land.
Nicht als Strafe.
Sondern weil jeder Mensch dort lebt, wo sein Herz zu Hause ist.
Die anderen lernten langsam, dass Glück nichts war, das man besitzen konnte.
Es entstand immer dann, wenn Menschen füreinander Verantwortung übernahmen.
Episode 7
Die Reise geht weiter
Viele Jahre später fragte Jonas, inzwischen selbst ein alter Mann, die Hüterin:
„Wird der Regenbogen eines Tages verschwinden?“
Die weise Frau sah zum Himmel.
„Nein.“
„Dann werden irgendwann alle Menschen hierherkommen?“
Sie lächelte.
„Der Regenbogen ist keine Brücke zwischen zwei Ländern.“
„Was ist er dann?“
„Eine Brücke zwischen zwei Herzen.“
Jeder Mensch trägt beide Länder in sich.
Das dunkle.
Und das helle.
Mit jeder Entscheidung baut er an dem Land, in dem seine Kinder eines Tages leben werden.
In diesem Augenblick erschien über beiden Ländern derselbe Regenbogen.
Manche sahen nur die Farben.
Andere erkannten darin Hoffnung.
Und ganz wenige begriffen, dass die Reise über den Regenbogen niemals mit einem einzigen Schritt begann.
Sondern mit einer einzigen guten Entscheidung.
Hinweis: Bildmaterial auf diesem Blog dient der Veranschaulichung. Mehr dazu in meiner Transparenzerklärung
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